Hygiene ist kein Add-on
In Kliniken, Pflegeheimen, Reha-Zentren und MVZ entscheidet Hygiene über Patientensicherheit, Reputation und Haftung. Reinigungsroboter müssen daher in den bestehenden Hygieneplan nach §23 IfSG und KRINKO-Empfehlung integriert werden – nicht parallel daneben laufen. Wer Robotik als „technisches Projekt“ der Reinigungsabteilung behandelt und die Hygienefachkraft erst nach der Beschaffung einbindet, riskiert teure Stilllegungen und Beanstandungen durch das Gesundheitsamt.
Regulatorischer Rahmen
Für den klinischen Einsatz von Reinigungsrobotern sind folgende Regelwerke maßgeblich: KRINKO-Empfehlung „Anforderungen an die Hygiene bei der Reinigung und Desinfektion von Flächen“ (2022), DIN EN ISO 13073 (Reinigungsleistung), DIN EN 17272 (automatisierte Raumdesinfektion), DIN EN 1276/13727 (chemische Desinfektion), VAH-Liste der zugelassenen Desinfektionsmittel. Hinzu kommen länderspezifische Vorgaben der Landesgesundheitsämter und der Medizinprodukte-Betreiberverordnung.
Anforderungen an Robotersysteme im Klinikumfeld
Für den klinischen Einsatz gelten gegenüber dem normalen FM-Einsatz erhöhte Anforderungen. Diese Punkte sollten bereits in der Lastenheft-Phase vom Hersteller schriftlich bestätigt werden:
- Validierbare Reinigungsleistung nach DIN EN ISO 13073 / RKI-konform
- Strikte Trennung von Frisch- und Schmutzwasser (zwei separate Tanks)
- Wechselbare, thermisch desinfizierbare Pads (≥ 60 °C, idealerweise 90 °C)
- Lückenlose Dokumentation der Reinigungswege, -zeiten und Flächen (PDF/CSV-Export)
- Kompatibilität mit VAH-gelisteten Flächendesinfektionsmitteln (Materialfreigabe)
- Hygienisch reinigbare Außenflächen (keine offenen Fugen, IP54 oder besser)
- User-Login pro Schicht/Person für Nachvollziehbarkeit
- Schnittstelle zum CAFM-/Hygiene-Reporting-System
Desinfektionsroboter ergänzen die Reinigung
Reine Scheuersaugroboter reinigen, aber desinfizieren nicht. In risikobehafteten Bereichen (OP-Schleusen, Isolationszimmer, Intensivstationen, Endoskopie) ergänzen UV-C-Roboter (z. B. UVD Robots, Xenex), H₂O₂-Vernebler (Bioquell, Steris) oder kombinierte Systeme (ICA HERO21) den Reinigungsprozess. Die Kombination aus mechanischer Reinigung (Roboter 1) und anschließender Desinfektion (Roboter 2) ist in hochreinen Bereichen bereits Stand der Technik – mit dem Vorteil reproduzierbarer Expositionszeiten und vollständiger Dokumentation.
Schnittstelle zum Hygieneplan
Der Roboter muss eindeutig in der Risikoklassifizierung der Räume (Risikobereiche I–IV nach KRINKO) aufgeführt sein. Die Schnittstelle umfasst: Festlegung welcher Roboter in welchem Risikobereich eingesetzt werden darf, Schulung des Personals (jährlich, dokumentiert), Wischbezugswechsel-Intervalle (pro Raum / pro Patientenzimmer), Wasserwechsel-Intervalle (max. alle 200 m²), Logging der Einsätze, monatliche Validierung durch die Hygienefachkraft, jährliche Begehung mit dem Hersteller.
Praxis-Workflow im Patientenzimmer
Ein typischer Hybrid-Workflow im 4-Bett-Patientenzimmer: 1) Reinigungskraft entfernt Wäsche, Müll, persönliche Gegenstände (2 Min.), 2) Roboter reinigt Bodenfläche autonom (4–6 Min., dokumentiert), 3) Reinigungskraft führt parallel Flächendesinfektion an patientennahen Flächen durch (Nachttisch, Bettgestell, Türgriffe), 4) Schlussfreigabe durch Sichtprüfung. Effekt: Personalbindung sinkt um 25–35 %, Dokumentationsqualität steigt deutlich, Patientenzimmer ist im Schnitt 8 Minuten schneller wieder belegbar.
Auditfähigkeit und Forensik
Im Auditfall (MDK, Gesundheitsamt, interne Revision) muss nachweisbar sein: welcher Roboter wann welche Fläche mit welchem Reinigungsmittel bei welcher Wischbezugscharge gereinigt hat. Moderne Systeme liefern diese Daten als CSV/PDF und können sie an CAFM-Systeme (Planon, IMS, Wave) übergeben. Wer das einrichtet, gewinnt nicht nur Auditsicherheit, sondern auch Argumentationsmaterial gegenüber Kostenträgern und Krankenkassen.
Fazit
Reinigungsroboter sind in Kliniken einsetzbar – sofern sie dokumentiert, validiert und in den Hygieneplan integriert werden. Wer das ernst nimmt, gewinnt Reproduzierbarkeit, Auditfähigkeit, Personalentlastung und ein klares Plus an Patientensicherheit. Die wichtigste Stakeholder-Reihenfolge in jedem Klinik-Projekt: Hygienefachkraft zuerst – Reinigungsleitung zweitens – Technik drittens. In dieser Reihenfolge entstehen die robustesten Projekte.




